Aus der Dorfgeschichte

Wie sich der Dorfalltag veränderte

Wasser und Strom, gemeinsame Maschinen, Geschäfte, Nachrichten und Spiele erzählen vom praktischen Leben in Nienhagen.

Inhaltsverzeichnis

Zu einem Abschnitt springen

Versorgung wird einfacher

Lange wurde Wasser an Quellen, Brunnen und Bachläufen geholt. Die zentrale Wasserleitung wurde im November 1908 fertiggestellt und im Dezember technisch abgenommen. Sie ersparte vielen Bewohnern tägliche Wege.

1920 folgte der Anschluss an das Stromnetz; die Forstgenossenschaft stellte dafür die Leitungsmasten bereit. Ein weiterer Schritt war die Kanalisation mit Kläranlage. Die Kurzchronik beschreibt ihre Bauphase 1960–61, das Detailkapitel die offizielle Übergabe am 27. Oktober 1961.

Abwasser in den Straßengossen

Vor dem Bau der Kanalisation prägten offene Gossen den Dorfalltag. Erich Haldorn erinnert sich an Abwasser, das in den 1930er Jahren entlang der Dorfstraße zur Ingelheim floss. Sein Bericht beschreibt die Lebensverhältnisse vor der späteren Kläranlage aus der Sicht eines Kindes.

Gemeinsam Geld und Maschinen organisieren

1918 entstand die Spar- und Darlehnskasse. 1924 gründeten Landwirte eine Maschinengenossenschaft zur gemeinsamen Anschaffung und Nutzung landwirtschaftlicher Geräte. Dreschmaschine, Motorwagen und Brennholzsäge stehen im Buch für eine praktische Form gemeinschaftlicher Selbsthilfe.

1953 beschloss die Maschinengenossenschaft die Verschmelzung mit der Spar- und Darlehnskasse. Die weitere Bankgeschichte endete vor Ort mit der Schließung der Zweigstelle. Das Detailkapitel nennt den 26. September 1995 als letzten Öffnungstag.

Wirtshäuser und Einkaufen

Ein erster schriftlicher Hinweis auf einen Nienhäger Krug findet sich laut Chronik im Taufregister von 1678. Gaststätten waren später auch Orte für Vereinsproben, Versammlungen, Tanz und Sport. Im 1874 eröffneten Haus des späteren Gasthofs „Zur Linde“ gehörte ein Hökenhandel zum Betrieb.

Am 30. November 1993 schloss das Lebensmittelgeschäft von Hartwig und Helene Pfeiffer. Das Buch beschreibt anschließend Verkaufswagen und Lieferdienste im Stand um 2000. Diese Darstellung erzählt vom damaligen Wandel des Einkaufens und gibt kein heutiges Versorgungsverzeichnis wieder.

Neue Fahrzeuge, alte Nachrichtenwege

Die Kurzchronik nennt 1925 das erste Motorrad und 1927 das erste Auto eines Dorfbewohners. Beide Angaben gehören zur örtlichen Überlieferung der frühen Motorisierung.

Nachrichten wurden lange mit der Dorfschelle ausgerufen oder auf Laufzetteln weitergegeben. Ab 1937 übernahmen auch Schulkinder das Ausrufen. Mit Unterbrechungen blieb die Schelle bis 1973 in Gebrauch; danach übernahm das Mitteilungsblatt der neuen Gemeinde diese Aufgabe.

Ein Arzt und Nachbar: Dr. Oskar Stephan

Haldorn beschreibt Dr. Oskar Stephan als hilfsbereiten Nachbarn, der auch Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos behandelte. Als Dank brachten Familien Lebensmittel aus ihrer Landwirtschaft.

Eine andere Erinnerung gilt dem vierten Geburtstag von Stephans Tochter Gisela im Jahr 1931: Nach dem Spielen zogen Kinder mit Lampions und Topfdeckeln umher; der Arzt begleitete sie mit der Mundharmonika. Hier erzählt Haldorn von einem persönlichen Erlebnis, nicht von einem allgemeinen Dorffest.

Unter der Linde und vor den Haustüren

Die Kurzchronik nennt 1967 die Einweihung eines Spielplatzes hinter der Schule. Andere Spielorte und Regeln wurden in Erinnerungen bewahrt: Unter der Linde spielten Kinder mit Murmeln. „Scheeßern“ und „Hückellieschen“ waren örtliche Namen für Murmelspiel und Hüpfekästchen.

Frische Birken vor den Häusern zu Pfingsten und das Ostereierwerfen gehören ebenfalls zu den überlieferten Bräuchen. Der Kultur- und Heimatverein unterstützte die Wiederbelebung einzelner Traditionen in den 1990er Jahren. Die Chronik bewahrt diese Erinnerungen, ohne damit eine unveränderte Fortführung bis heute zu belegen.

Die Erinnerungen an frühere Kinderspiele erzählen auch von selbst gebastelten Pfeifen und „Hummen“ aus Weidenrinde. Im Frühjahr ließen sich die Rindenröhrchen gut von den Zweigen lösen. Die kleinen Blasinstrumente gehörten damals zum Spiel der älteren Schulkinder.

1980: Eine Zwetschgenernte, die in Erinnerung blieb

Nach einem kalten, nassen Winter hatten viele mit einer schlechten Ernte gerechnet. Heinrich Haldorn erlebte das Gegenteil: Die Zwetschgenbäume hingen 1980 so voll, dass sich ihre Zweige unter der Last bogen. In seinen 84 Lebensjahren habe er eine solche Zwetschgenernte noch nicht gesehen, schrieb er am 31. Oktober 1980.

Hilde, die Haldorn als „unsere Hilde“ bezeichnet, und Gisela Pfeiffer beschlossen, gemeinsam Mus zu kochen. Weil bei Haldorns kein Platz für einen großen Kessel mehr vorhanden war, arbeiteten sie in der Waschküche bei Pfeiffer/Geißler. Am späten Nachmittag wurden die Bäume geschüttelt, am nächsten Tag die Früchte aufgesammelt. Wannen und Körbe füllten sich; allein das Waschen dauerte nach seiner Schilderung einen ganzen Tag.

Drei Tage am Muskessel

Haldorn beschreibt eine Arbeit, die Aufmerksamkeit und Ausdauer verlangte: Unter dem Kessel musste das Feuer weiterbrennen, während die Früchte weichgekocht wurden. Anschließend rieben die Frauen den Brei mit einer Wurzelbürste durch ein Mussieb. Die Kerne blieben zurück. Erst danach wurde der Brei zum dickeren Mus eingekocht und mit einer „Muskrücke“ ständig gerührt. Am ersten Tag dauerte das Kochen bis 23 Uhr.

Noch zweimal wurde ein neuer Kessel verarbeitet. Karl Geißler besorgte das Brennholz, abends halfen die Männer beim Rühren. Besucher kamen in die Waschküche, es wurde geplaudert und erzählt; auch das Enkelkind war dabei. Am Sonnabendnachmittag war das dreitägige Muskochen beendet. Der Vorrat schien Haldorn groß genug für viele Jahre.

Das fertige Mus wurde in Gläser gefüllt und eingekocht. Weitere Früchte fanden als Zwetschgenkuchen oder zum direkten Essen Verwendung. Freunde, Bekannte und Verwandte bekamen Kostproben. Während Haldorn die Getreideernte als gut, die Kartoffelernte als mäßig und die Apfelernte als durchschnittlich beschrieb, blieb ihm vor allem dieses gemeinsame Arbeiten am Muskessel in Erinnerung.

Zum Jahresbeginn von Haus zu Haus

Erich Haldorn beschreibt das Neujahrssingen aus seiner Nienhäger Kindheit: Jungen gingen zu den Nachbarn, sangen und erhielten kleine Geldbeträge, Äpfel oder Nüsse. Er selbst war mit einem Freund unterwegs.

Ostereier mit dem eigenen Namen

Zu Ostern verschenkte Emma Gerwig nach Haldorns Erinnerung Eier an Kinder aus dem Unterdorf. Sie schrieb den jeweiligen Vornamen in Sütterlinschrift darauf. Der Bericht überliefert eine persönliche Geste und einen konkreten Ort im Dorf; er belegt keinen überall ausgeübten Osterbrauch.

Daten und Ereignisse

Die einzelnen Einträge aus dem Zeitstrahl mit ihren Quellen.

1750

Brandversicherung und Hausnummern

Die Chronik verbindet die Einrichtung einer staatlichen Brandversicherung mit der Einführung von Hausnummern. Die Häuser lassen sich dadurch für die Versicherung eindeutig zuordnen.

1841

Eine Zehntabgabe wird abgelöst

Bei der ersten Kleinzehntablösung wird die jährliche Zehntlämmerabgabe in eine Geldabgabe umgewandelt.

1856

Der Kornzehnt wird abgelöst

Der herrschaftliche Kornzehnt wird gegen eine Zahlung von 3.300 Talern abgelöst.

1857 · Überregionaler Zusammenhang

Bahnstation Kragenhof eröffnet

Die Bahnstation Kragenhof wird eröffnet. Die Kurzchronik nimmt diesen regionalen Verkehrsschritt in ihre Übersicht auf.

1918

Spar- und Darlehnskasse

Die Gründung war ein Schritt zu gemeinschaftlicher wirtschaftlicher Selbsthilfe im Dorf.

12. August 1924

Landwirtschaftliche Maschinengenossenschaft

Landwirte schlossen sich zur gemeinsamen Anschaffung und Nutzung von Maschinen zusammen.

1925

Das erste Motorrad

Die Chronik nennt Tischlermeister Hermann Börger als ersten Motorradfahrer des Dorfes.

1932

Freiwilliger Arbeitsdienst

Die Kurzchronik nennt für 1932 die Einführung des Freiwilligen Arbeitsdienstes. Sie ordnet ihn den Bemühungen zu, die wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern.

30. November 1993

Lebensmittelgeschäft schließt

Am 30. November 1993 schließt das damals einzige Lebensmittelgeschäft Nienhagens.

26. September 1995

Letzter Öffnungstag der Bankzweigstelle

Die Bankzweigstelle in Nienhagen hatte laut dem Genossenschaftskapitel am 26. September 1995 ihren letzten Öffnungstag. Damit lässt sich die in der Kurzchronik undatierte Schließungsnotiz genauer einordnen.